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Musa Turan aus Hausach ist eins der neuen Bärenkinder 2025 / 26

Musa Turan aus Hausach ist eins der neuen Bärenkinder 2025 / 26

Musa Turan kam im November 2022 viel zu früh zur Welt. Aufgrund einer Schwangerschaftsvergiftung musste er fast acht Wochen vor dem eigentlichen Termin per Notkaiserschnitt geholt werden. Mit nur 1.550 Gramm war er ein winziger Kämpfer, der in den ersten Tagen mit Beatmung und Ernährung über eine Sonde versorgt werden musste.

Wochenlang lag er auf der Frühchen-Intensivstation, kämpfte mit einer schweren Gelbsucht, lernte das Atmen und später auch das Trinken. Nach fast einem Monat durfte er endlich nach Hause. Doch auch dort blieb es nicht einfach. Bei Musa wurde ein Herzfehler festgestellt, der bis heute regelmäßig überwacht werden muss. Hinzu kommt eine starke Sehbehinderung auf beiden Augen, die schon mehrere Operationen notwendig gemacht hat. Außerdem lebt Musa mit einer Autismus-Spektrum-Störung und einer Entwicklungsverzögerung, was vor allem seine Sprache betrifft. Bis heute kann er nicht sprechen.

Verschiedene Therapien wie Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie geben ihm Unterstützung und begleiten seinen Alltag. Trotz all dieser Herausforderungen ist Musa ein neugieriger Junge voller Entdeckungsdrang, der seine Umwelt aufmerksam wahrnimmt und jeden Tag aufs Neue beweist, wie viel Kraft in ihm steckt.

Kleiner Kämpfer Musa

„Das Schicksal hat uns nach Hausach geführt“, strahlen Ayse und Hüseyin Turan. Ihr kleiner Musa klopft dazu fröhlich mit seiner Tonie-Figur auf den Tisch. Der Dreijährige ist ein neugieriger Junge voller Entdeckungsdrang – daran hindern ihn auch seine Behinderungen nicht, von denen seine Eltern seit seiner Geburt häppchenweise erfahren haben. Und diese verlieren kein Wort über das Pech, das ihr Kind verfolgt, sondern sie sprechen nur über das Glück, dass sie sich hier so wunderbar willkommen und unterstützt fühlen.

Ayse Turan ist in Lahr aufgewachsen, hat während eines Praktikums in Stuttgart ihren Mann kennengelernt und in Albstadt ihren Handelsfachwirt gemacht. Als ihr Bruder nach einem schweren Unfall pflegebedürftig wurde, zogen die beiden zurück in die Nähe von Ayses Eltern, um sie zu unterstützen. Ihre Wohnung war allerdings voller Schimmel. Als die junge Frau schwanger wurde, nahmen die Turans die nächstbeste Wohnung, die ihnen über Kleinanzeigen angeboten wurde. So kamen sie nach Hausach.

Bis zur 30. Schwangerschaftswoche schien alles völlig in Ordnung. Dann stellte die Frauenärztin eine Schwangerschaftsvergiftung fest, ihr Kind musste fast acht Wochen zu früh per Notkaiserschnitt geholt werden. „Unser kleiner Kämpfer wog gerade mal 1550 Gramm, musste über eine Maske beatmet und über eine Sonde ernährt werden“, erzählt die 34-jährige Ayse Turan von den schwierigen ersten Wochen auf der Frühchen-Intensivstation.

Nach fast einem Monat, als Musa das selbstständige Atmen und Trinken gelernt hatte, durften sie mit ihm nach Hause. Ihr Kind habe „etwas am Herz“, das müsse aber nichts bedeuten, manche Kinder kämen mit einem Loch im Herzen zur Welt, das von alleine wieder zuwächst, sagte ihnen der Arzt nach der ersten Untersuchung. Es bedeutete doch etwas: Das „Loch“ stellte sich als biskupidale Aortenklappe (Hintergrund) heraus, die nun regelmäßig durch einen Kinderkardiologen überwacht werden muss.

Und schon bald folgte der nächste Schlag: In der Uniklinik Freiburg wurde eine starke Sehbehinderung festgestellt: Iriskolobome und Aderhautkolobome mit Korektopie an beiden Augen (Hintergrund). Mit der Feststellung, das sei nicht therapierbar, ihr Kind werde nie lesen und schreiben können, schickten die Ärzte die Eltern nach Hause. „Zum Glück hat sich unsere Kinderärztin damit nicht zufriedengegeben“, berichtet Mama Ayse. Sie fand eine Spezial-Augenklinik in Sulzbach im Saarland, die Musa operiert hat.

Nächster Schlag

Die Kolobome könne man zwar nicht entfernen, aber die nach unten gerutschten Pupillen konnten dort wieder mittig operiert werden, damit wenigstens die geringe Sehkraft erhalten bleibt. Dass Musa „in seiner Welt lebt“ und die Eltern gar nicht richtig wahrnahm, hätten sie daraufhin immer auf die Augen geschoben. Doch irgendwann reichte das als Begründung nicht mehr aus. Das Sozialpädiatrische Zentrum der Kinderklinik Offenburg bescheinigte dem Jungen nun auch noch eine Autismus-Spektrum-Störung und eine Entwicklungsverzögerung vor allem im sprachlichen Bereich.

„Wahrscheinlich hätten wir das alles gar nicht auf einmal ertragen. Immer, wenn wir uns gerade wieder an einen Gedanken gewöhnt hatten, kam die nächste Hiobsbotschaft“, sagt Mama Ayse. Ergo-, Logo-, Physiotherapie – sie nehmen nun alles mit, was möglich ist: „Je früher, desto wirkungsvoller, und wir haben wenigstens das Gefühl, dass wir etwas tun können.“

An eine Rückkehr in den Beruf war erst einmal nicht zu denken. Der 37-jährige Papa Hüseyin arbeitet in Offenburg bei einer Security-Firma. Als die junge Familie dringend einen Kindersitz benötigte, sprach sie bei der Frühförderung der Caritas in Haslach vor. Ein Glücksfall: Dort schickte man sie zum Hausacher Bärenadvent.

Ganz schnell und unbürokratisch bekamen sie ihren Kindersitz, Musa wurde ein „stilles Kind“ des Hausacher Bärenadvents. Und nach einem längeren Gespräch mit Erwin Moser kam bald schon die Nachricht, dass sie eine der beiden nächsten Bärenfamilien sein dürfen.

Möglicherweise sei es auch Mosers Fürsprache zu verdanken, dass sie eine der neuen Sozialwohnungen im Riegelbau des Mostmaierhofs bekamen – eine „super Wohnung zwischen netten Menschen“.

Große Solidarität

Die Turans haben bereits einen sehr guten Kontakt mit der zweiten Bärenfamilie Gerbasi. „Auf einmal sind wir von so vielen Menschen umgeben, die Verständnis für uns haben, die uns einfach guttun“, sagt Ayse Turan mit leuchtenden Augen. So etwas wie der Hausacher Bärenadvent sei etwas Einmaliges, noch nie hätten sie so eine Solidarität erfahren wie hier in Hausach. Die finanzielle Hilfe könnten sie natürlich gut gebrauchen, die emotionale und mentale Unterstützung sei aber viel wichtiger: „Wir fühlen uns einfach nicht mehr alleingelassen.“

Wenn Musa von der nächsten Augen-OP genesen ist, darf er in den Schulkindergarten nach Offenburg – und er wird bald ein Geschwisterchen bekommen. Obwohl man ihnen gesagt hatte, so eine Schwangerschaftsvergiftung müsse sich nicht wiederholen, gibt es nun doch wieder Anzeichen dafür. Ayse und Hüseyin Turan hoffen, dass ihr zweites Kind so lange wie möglich im Bauch bleibt und gesund zur Welt kommt.

Hintergrund:

Musas Handikaps:

Bikuspidale Aortenklappe: Angeborene Fehlbildung, erfordert regelmäßige Kontrollen per Ultraschall, eventuell medikamentöse Blutdruck- und Herzfrequenzkontrolle, später Klappenaustausch möglich.

Augenkolobome mit Korektopie: Ein Kolobom ist eine sehr seltene angeborene Spaltbildung im Auge. Ursache ist meist eine fehlerhafte embryonale Entwicklung, bei der sich die Augenbecherspalte nicht vollständig schließt. Korektopie ist ebenfalls eine angeborene Fehlbildung des Auges, in der die Pupille ihre zentrale Position in der Iris verliert.

Autismus-Spektrum-Störung: Neurologische Entwicklungsstörung mit sozial-emotionalen Beeinträchtigungen. Ein früher Förderstart ist hier besonders wichtig.

Quelle: Offenburger Tageblatt vom 21.11.2025 – Claudia Rammsteiner

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